Für ein besseres Verstehen

Für ein besseres Verstehen "Jugendmigrationsdienst der Arbeiterwohlfahrt - eine Brücke will ich Dir bauen", so ist die Überschrift der Geraer Webseite des Jugendmigrationsdienstes Gera e.V. Diese Vereinigung ist eine spezielle Einrichtung für junge Migrantinnen und Migranten zwischen 12 und 27 Jahren. Neu zugewanderte Jugendliche und junge Erwachsene erhalten hier eine individuelle und umfassende Unterstützung bei der sprachlichen, schulischen, beruflichen und sozialen Eingliederung.

Frau Wagner und Frau Ermantraut als Ansprechpartner waren heute mit einigen Gästen und Partnern zu Besuch an der Schule. Vorgestellt wurde ein LOS-Projekt, welches die Geschichte der Deutschen in Russland Schülern der Klassenstufe 8 näher bringen sollte. Gezeigt wurde ein Film über Sankt Petersburg von der Entstehung der Stadt, den goldenen Kuppeln der Zarenstadt bis hin zu beeindruckenden Bildern von den "Weißen Nächten" - die vielen Schülern nicht bekannt waren.

Weiße Nächte sind Nächte, in denen die Sonne nur für kurze Zeit untergeht, so dass es auch nachts hell ist. Weiße Nächte kommen an allen Orten vor, die etwa zwischen 60° nördlicher oder südlicher Breite und dem Nordpol bzw. Südpol liegen. Stellwände in der Aula zur Thematik und der Film dienten dazu das Gehörte und Gelesene in einem Quiz auch anzuwenden. Eine Stärkung gab es für alle in Form von Piroggen mit Fleisch oder Krautfüllung und einem Tee. Ein russisches Konfekt gab es auch für jeden Teilnehmer.

Im zweiten Teil der Veranstaltung erfuhren die Schüler die Geschichte der Russlanddeutschen. Frau Derbitov, geboren in Sankt Petersburg, erklärte den Schülern, wie Siedler, die überwiegend aus Bayern, Baden, Hessen, der Pfalz und dem Rheinland kamen und in den Jahren 1763 bis 1767 der Einladung ihrer Landsmännin, der Zarin Katharina II., in ihr neues Siedlungsgebiet folgten. Sie wurden angeworben, um die Steppengebiete an der Wolga zu kultivieren. Die deutschen Siedler fanden im russischen Reich günstige Bedingungen vor, u. a. erhielten sie einen politischen Sonderstatus, der das Recht auf Beibehaltung des Deutschen als Verwaltungssprache sowie auf Selbstverwaltung umfasste.

Diese Selbstbestimmungsrechte wurden am Ende des Zarenreiches und nach einer Anfangsphase auch in der Sowjetunion eingeschränkt. 1924 wurde die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geschaffen, nachdem das Gebiet bereits nach der Oktoberrevolution ab 1918 Autonomie erlangt hatte. Die wolgadeutsche Republik, die 1941 aufgelöst wurde, hatte etwa 600.000 Einwohner, wovon etwa zwei Drittel deutscher Abstammung waren.

Nach dem Überfall des 3. Reiches auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg wurden die etwa 400.000 Wolgadeutschen der kollektiven Kollaboration beschuldigt und nach Sibirien und Zentralasien deportiert, dort oftmals in Arbeitslager gezwungen. 1964 wurden sie offiziell vom Vorwurf der Kollaboration befreit und die Bundesrepublik Deutschland ermöglichte ihnen seit den 1970er Jahren die Ausreise nach Deutschland.

Frau Derbitov endete ihren Vortrag mit den Worten: "Besuchen Sie die Stadt Sankt Petersburg, die Stadt, die von einem Mann erschaffen wurde. Sankt Petersburg ist eine tolerante Stadt in der alle Konfessionen vertreten sind. Von der evangelischen Kirche bis hin zum buddhistischen Tempel." Zum Schluss hörten die Schüler ein Lied über Sankt Petersburg. Im Namen der Schüler und Schule bedankten sich die Schülersprecher mit Blumen.