Besuch von Sally Perel

Er sitzt vor dir. Ein kleiner Mann, freundlich lächelnd einen Tee trinkend, fragt er dich aus nach dem Leben an der Schule, diskutiert mit dir darüber, ob Deutschland 2006 Fußballweltmeister werden kann, beißt zwischendurch in sein Schinkenbrötchen. Ein netter Mann von 80 Jahren und nichts weißt daraufhin, dass er eine besondere Lebensgeschichte hatte und hat, dass er eigentlich schon lange nicht mehr leben sollte und dass er manchmal vor ein paar Jahren zu Ehemaligentreffen der HJ gegangen ist - jetzt nicht mehr, weil die Menschen, die er dort treffen könnte, stehen geblieben sind in ihrem Denken und er sich einer anderen Sache verschrieben hat.

Besuch von Sally Perel Er möchte mit seinem Schicksal etwas bewegen, Nachdenken erzeugen. Sein Leben ist schon seltsam verlaufen oder außergewöhnlich - es fehlen die Worte, um exakt zu beschreiben, was da vorgegangen ist. Er ist Jude. Eigentlich wäre er durch das Raster der Pseudorassenkundler der Nazis gefallen, die festlegten, was arisch und deshalb lebenswert und was nicht arisch und deshalb lebensunwert ist. Körperhaltung, Nasen- und Stirnform usw.

Alles was diesen Rassenfanatikern in den Kopf kam, um die Überlegenheit der Arier zu beweisen und den Holocaust und die Euthanasie, die KZs und die Ausbeutung der Slawen zu begründen. Er ist Jude und hat ihnen bewiesen, wie viel diese Lehren wert sind, denn er hat unter ihnen überlebt.

Aber so einfach ist es dann auch nicht: Sally Perel wurde 1925 in Peine bei Braunschweig geboren und verbrachte nach eigenen Aussagen eine glückliche Kindheit. Die Eltern waren im Laufe der Oktoberrevolution aus Russland weggegangen und hatten ein Schuhgeschäft eröffnet. So lebte man bis 1933 zwar nicht geliebt, aber angesehen. 1935 flog er von der Schule und die Familie musste nach Polen ausreisen, das sahen die nun erlassenen Gesetze vor. Der 1.September 1939 brachte neues Leid. Deutschland überfiel Polen und überrannte es sehr schnell. Die Juden sollten in Ghettos - erster Akt ihrer Vernichtung.

Die Familie Perel entschloss sich, wenigstens die Kinder zu retten. Sie sollten sich in den sowjetisch besetzten Teil Polens begeben. Also machten sich Sally und der Bruder Isaak auf den Weg. Sally landete in einem sowjetischen Waisenhaus, lernte russisch, liebte Stalin und wurde Mitglied des Komsomol. Das Jahr 1941 brachte den nächsten Umbruch, Deutschland überfiel die Sowjetunion und Sally musste wieder fliehen.

Weit kam er nicht, fiel mit anderen in die Hände der Wehrmacht, gab sich als Volksdeutscher aus, hatte viel Glück, dass man ihm glaubte, wurde als Übersetzer gebraucht und lebte mit den Soldaten zusammen - immer auf der Hut, nicht irgendwann unbekleidet angetroffen zu werden - es hätte seinen Tod bedeutet. Einmal geschieht es doch, aber Heinz Kelzenberg verrät ihn nicht. Sally - jetzt Jupp - ist beliebt und fällt auf. Ein Hauptmann will ihn adoptieren und schickt ihn an eine HJ-Schule.

Da läuft er nun - er der Jude und beschnitten obendrein - in der Uniform des Feindes, schreit sein "Sieg Heil!", singt Lieder darüber, dass die Juden aller Unglück seien und hadert mit sich und überlebt. Nach dem Krieg geht er nach Israel. Endlich Jude unter Juden sein, endlich nicht mehr Minderheit. Hier in Israel gehört er zur Mehrheit und wird nicht mehr aufgrund seiner Rasse verfolgt. Und er schweigt. Lange Jahre sagt er nichts über seine Vergangenheit, fragt sich, ob er überhaupt ein Recht dazu hat, seine Geschichte zu erzählen. Er hat eine Generation dazu gebraucht und dann alles aufgeschrieben, seine Lebensgeschichte ist verfilmt worden, er geht auf Lesereise, besonders gern zu Jugendlichen.

Nein, er hebt keinen Zeigefinger. Er will erzählen - von sich, von Israel, von seiner Meinung zur Lösung des Nahostproblems, will im Gespräch bleiben und zitiert Spielberg: "Zeitzeugen sind die besten Lehrer" und sagt wie viele andere auch: "Fragt uns, wir sind die letzten." Er hat Eindruck hinterlassen.